© 2010 by Christoph Mischke
Mein kleiner Freund, ...
... seit Monaten gehst Du mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit wir
uns im Frühjahr zum ersten Mal zufällig begegnet sind. Ich
erinnere mich noch genau: Ein schriller Pfiff und ein türkises
Etwas, das pfeilschnell den Bachlauf entlanggeflogen ist. Damals
hast Du mich endgültig in Deinen Bann gezogen. Die Bilder
Deiner Artgenossen, die es in der FC ja reichlich gibt, hatten
mich zwar schon immer fasziniert – aber eine Begegnung in
freier Natur ist durch kein Bild zu ersetzen.
Seitdem war ich oft in Deinem Revier unterwegs, habe mich im
Internet über Dich informiert und ein Buch über Dich
„verschlungen“. Auf diese Weise habe ich viel über Dich gelernt,
und mein Drang, Dich endlich in Fotodistanz zu erleben, wurde
immer größer. Oft saß ich vergebens im Tarnzelt, nur ab und zu
ist mir ein Foto gelungen – leider aus viel zu großer Entfernung.
Heute habe ich endlich mal wieder Zeit, auf Dich zu warten. Ich
stehe früh auf, was werktags immer eine Qual ist, aber heute
macht mir das nichts aus. Leider ist die Sonne, die in den
vergangenen beiden Tagen wundervoll vom Himmel gelacht hat,
nicht mit von der Partie – Hochnebel sorgt für mäßige
Lichtverhältnisse. Dennoch sitze ich dick vermummelt bei -4 °C.
im Tarnzelt.
Da! Etwas bewegt sich! Am Bachlauf hüpft ein Zaunkönig
entlang. Ich mache ein Foto, weiß aber schon vor dem Auslösen,
dass das sowieso wieder gelöscht wird. 1/6 s Belichtungszeit bei
ISO 800 - keine tollen Voraussetzungen für ein recht quirliges
Motiv ...
Die Zeit vergeht. Spaziergänger und Hunde sorgen für Unruhe.
Meine Hoffnung schwindet. Auf der NABU-Liste „Vögel im Raum
Darmstadt“ bist Du als „Teilzieher“ aufgeführt. Hast Du Dir ein
anderes Winterquartier gesucht? Habe ich Dich deswegen schon
seit Wochen nicht mehr hier gesehen?
Jäh werden meine Gedanken von einem intensiv türkisen
„Flugobjekt“ unterbrochen. Du bist an mir vorbeigeflogen!
„Komm' zurück!“, denke ich. Und tatsächlich. Drei Minuten später
sitzt Du seelenruhig in ca. 10 m Entfernung von mir auf einem
Ast. Was für ein Gefühl! Jetzt nur keinen Fehler machen! Mit
langsamen Bewegungen richte ich mein Objektiv auf Dich. Da!
Du bist in meinem Sucher. Das Auslösegeräusch stört Dich nicht
– Du gönnst mir 15 Aufnahmen. Mein Vorhaben, ISO 400
einzustellen und noch ein paar Bilder zu machen, ist aber nicht
von Erfolg gekrönt. Du flatterst davon.
Meine Anspannung löst sich. Ein Glücksgefühl durchströmt
meinen Körper. Das sind die Momente, die die Naturfotografie für
mich so wertvoll machen.
Beim nächsten Mal spielt vielleicht auch die Sonne mit. Dann
werden die Aufnahmen qualitativ noch besser. Nichtsdestotrotz
bin ich überglücklich und stolz, Dich ohne Anfüttern abgelichtet
zu haben – ein echtes Naturdokument.
Ich werde wiederkommen, mein kleiner Freund!
zu meinen Eisvogelaufnahmen