© 2010 by Christoph Mischke
Am Anfang war das Ei
... genauer gesagt: es waren elf Eier. Nun aber erstmal der Reihe nach:
Ende des Jahres 2004 hatte ich auf unserem Balkon einen Nistkasten für Meisen aufgehängt. Im Winter
wurde dieser hin und wieder von Blaumeisen als Nachtlager genutzt, und im Frühjahr 2005 brütete zu
meiner großen Freude ein Blaumeisenpärchen in besagtem Kasten. Wie gerne hätte ich mal einen Blick
auf die Brut geworfen, leider konnte ich jedoch immer nur die Eltern beim An- und Abflug beobachten.
Für die nächste Saison musste ich mir etwas einfallen lassen.
Anfang des Jahres 2006 stöberte ich im Internet eine kleine Nistkastenkamera auf, die mit Infrarotlicht
arbeitet, so dass auch Aufnahmen bei Dunkelheit möglich sind. Zwar liefert diese Kamera nur
Schwarzweißbilder, dafür ist sie mit ca. 25.- Euro aber auch recht preiswert (immerhin bestand ja das
Risiko, dass der Nistkasten in dieser Brutsaison gar nicht genutzt wird). Die Kamera wurde bestellt und
in den Nistkasten eingebaut. Videokabel und Stromversorgung verlegte ich durch das Fenster meines
Arbeitszimmers. Somit konnte ich die kleine Kamera an meinen Computer anschließen und war nun
immer darüber „im Bilde“, was im Nistkasten so vor sich ging. Würde wieder eine Brut stattfinden?
Tatsächlich …
Im folgenden Bericht können Sie nachlesen und sich auch ansehen, was beim Entstehen einer neuen
Blaumeisengeneration so alles geschieht. Die Schwarzweiß-Bilder stammen aus Videofilmen, die ich mit
der Nistkastenkamera aufgenommen habe. Sie sind qualitativ sicherlich nicht sehr gut, vermitteln
dennoch einen ganz schönen Eindruck vom Geschehen im Nest.
28.04.2006:
Das Gelege ist fertig. Mit elf Eiern (das letzte kam heute hinzu) liegt es im Rahmen der von Blaumeisen
normalerweise produzierten Gelegegröße (7 bis 16 Eier). Laut Literatur werden die ersten Küken 13 bis
14 Tage nach dem Legen schlüpfen …
29.04.2006 - 09.05.2006:
Die Eier werden bebrütet und auch häufig gewendet. Ab und zu wird der brütende Vogel von seinem
Partner mit Nahrung versorgt - scheinbar aber nicht ausreichend, denn das Gelege wird öfters auch mal
verlassen (für maximal 10 Minuten).
10.05.2006:
Nachdem gestern die beiden ersten Küken geschlüpft sind, folgt heute Schritt für Schritt der Rest der
Brut. Das Zählen ist ob des Durcheinanders im Nest gar nicht so einfach. Natürlich müssen die Eltern
nun häufig füttern. Später stellt sich heraus, dass es zehn Küken sind. Wenn die Angaben aus der
Literatur stimmen, werden die Küken nun noch 18 Tage im Nistkasten verbringen und somit am 27. bzw.
28.05.2006 (Samstag und Sonntag) in die Freiheit fliegen. Die Meisen haben sogar daran gedacht, dass
ich berufstätig bin - nicht zu fassen …
15.05.2006:
So langsam macht sich bei den Küken das wachsende Federkleid bemerkbar. Die Eltern schaffen fast
unablässig Nahrung herbei. Wer am besten auf sich aufmerksam macht, bekommt auch am meisten -
dabei gehen die Kleinen nicht zimperlich miteinander um.
18.05.2006:
Heute konnte ich zum ersten Mal beobachten, wie ein Küken seine Flügelchen "ausprobiert" hat. Das
Flattern klappt schon recht gut. Diese Trockenübungen stehen von nun an jeden Tag auf dem
Programm.
21.05.2006:
Die Entwicklung schreitet voran: seit zwei Tagen öffnen die Kleinen ihre Augen. Die zehn Schnäbel
wollen immer mehr ...
22.05.2006:
Das Nest wird durch das schnelle Wachstum der kleinen Blaumeisen immer voller. Wer so schnell
wächst, hat auch viel Appetit. Die Eltern kommen mit vollen Schnäbeln und verlassen den Nistkasten
auch wieder mit vollen Schnäbeln, denn auch der Kot der Kleinen will entsorgt werden - schließlich muss
das Nest sauber bleiben.
26.05.2006:
Eine immer stärker werdende Unruhe ist bei den Kleinen festzustellen. Die Flügel werden getestet, und
ab und zu schaut auch mal ein Küken aus dem Loch des Nistkastens in die große, weite Welt hinaus. Ich
bereite meine Fotoausrüstung vor, um sie im Fall der Fälle möglichst schnell auf dem Balkon
einsatzbereit zu haben.
27.05.2006:
Sollte meine Berechnung stimmen, könnte es heute schon losgehen. Die jungen Blaumeisen sind extrem
unruhig. Aufgeregt versucht jedes Küken hin und wieder, durch das Loch nach draußen zu schauen. Die
Eltern füttern noch fleißig. Ich beobachte sie viel. Dennoch muss ich abends gegen 22.30 Uhr feststellen,
dass mir das Verschwinden zweier Küken entgangen ist. Unbemerkt haben sich die beiden ersten
Jungvögel genau an die Literaturangabe gehalten und nach 18 Tagen das Nest verlassen. Die restlichen
acht Vögel, die einen Tag später geschlüpft sind, schlafen ruhig. Jedoch ist zum ersten Mal seit
Brutbeginn nachts kein Elternvogel im Nistkasten. Morgen muss ich noch wachsamer sein!
28.05.2006:
Um 6.15 Uhr schalte ich den Computer ein, um einen Blick auf „meine“ Blaumeisen zu werfen. Zu meiner
großen Überraschung sitzt nur noch eine kleine Meise im Nest und eine befindet sich abflugbereit im
Loch des Nistkastens. Alle anderen sind schon weg!
Keine fünf Minuten später sitze ich - bekleidet mit Jacke und Jogginghose über dem Schlafanzug - hinter
meiner Kamera auf dem Balkon. Dicke Wolken sorgen für erbärmliche Lichtverhältnisse. Lautes
Tschilpen ist aus Richtung des Nistkastens zu vernehmen. Aber auch aus einer anderen Ecke des
Balkons dringt Jungvogelgesang an mein Ohr. In einer Pflanze sitzt noch ein Küken. Was für ein
goldiges Kerlchen!
Jäh werde ich aus der Freude über diesen Anblick gerissen: ein großer Vogel fliegt zielstrebig auf den
Balkon zu, will auf dem Geländer landen, sucht jedoch bei meinem Anblick das Weite. Ein
Turmfalkenmännchen! Ich möchte nicht wissen, wie viele Jungmeisen er sich schon vom Balkon geholt
hat. So ist die Natur - auch der Turmfalkennachwuchs hat Hunger.
Inzwischen hat die vorletzte Meise den „Absprung“ geschafft und erkundet gemeinsam mit seinem
Geschwisterchen den Balkon. Die ersten Kurzflüge klappen schon recht gut, nur das gezielte Landen ist
noch eine echte Herausforderung. Die Balkonpflanzen erweisen sich aber als gutes Übungsfeld. Ich
beobachte die Kleinen und merke, dass sie überhaupt keine Scheu zeigen, was mich dazu veranlasst,
mein 150 mm-Makroobjektiv zum Einsatz zu bringen.
Eine der Meisen plumpst - von der Neugier getrieben - in die Dachrinne, die den Rand unseres Balkons
umgibt. Während ich mich über das Balkongeländer beuge, um nach der Meise zu sehen, spüre ich ein
Kitzeln auf meinem linken Fuß (ich hatte nur Badeschlappen an). Nicht zu fassen: das Geschwisterchen
der „Dachrinnenmeise“ sitzt auf meinem Fuß und genießt die Aussicht! Als ich ein Foto machen will,
hüpft es jedoch schnell wieder von meinem Fuß herunter.
Die „Dachrinnenmeise“ hat inzwischen den oberen Rand der Dachrinne erklommen, und es dauert nicht
lange, bis sie davonfliegt und in einem Baum vor unserem Haus landet. Ihr Geschwisterchen will
denselben Weg einschlagen und sitzt plötzlich auch in der Dachrinne. Wieder geschieht, während ich es
beobachte, etwas völlig Unerwartetes: Die letzte Meise fliegt aus dem Nistkasten und landet an meinem
Hosenbein. Sie krallt sich fest und sondiert erstmal die Umgebung, während ich diese außergewöhnliche
Situation im Bild festhalte.
Auch die letzte Blaumeise verlässt den Balkon über die Dachrinne. Sie fliegt jedoch nicht gleich einen
Baum an, sondern landet zunächst auf einem schräg unterhalb unseres Balkons befindlichen
Fensterbrett. Dort lässt sie sich von der inzwischen durch die Wolken scheinenden Sonne wärmen,
bevor auch sie so richtig ins Leben startet.
Vielleicht begegnen wir uns ja mal wieder? Unser Nistkasten wird auf jeden Fall auch in der kommenden
Brutsaison an seinem Platz hängen und hoffentlich erneut „Kinderstube“ einer neuen Meisengeneration
sein.
noch mehr Blaumeisenbilder ...